Was der Weltmeister in den Blindschachpartien in Monaco ablieferte, war sensationell. Er spielte seine Gegner reihenweise an die Wand und man hatte den Eindruck, dass er Normalschach spielt. Einfach genial. Sehenswert waren insbesondere seine technischen Leistungen gegen van Wely, Gelfand und Aronian, und dass er auch taktisch eine Klasse für sich sein kann, bewies er in seinen Partien gegen Radjabov, Morozevich und Leko. Anbei nur zwei Kostproben seines Könnens:

Kramnik,V (2766) - Aronian,L (2744) [A30]
Amber Blindfold Monte Carlo MNC (6), 23.03.2007

Stellung nach 33…Kf5:

Weiss steht besser, doch die technische Verwertung ist, insbesondere in einer Blindpartie, nicht einfach. Ausser für Kramnik! 34.g4+! Kg6 [34...Kxg4?? 35.Te4++-] 35.f4! f5 36.exf6 gxf4 37.Sxf4+ Kxf6 38.h4 Le5 39.Sd5+ Ke6 40.Se3± Lf4? 41.Sf5+ Kf6 42.Tf2 Tc4

43.Se3! Wickelt in ein gewonnenes Bauernendspiel ab. 43…Td4 44.Txf4+! Txf4 45.Sd5+ Ke5 46.Sxf4 Kxf4 47.Kh3 a6 48.a4 b5 49.axb5 axb5 50.b4 Ke5 51.Kg3 Ke4 52.g5 1-0

Leko,P (2749) - Kramnik,V (2766) [C89]
Amber Blindfold Monte Carlo MNC (7), 24.03.2007

Stellung nach 53…Ke5:

Die Stellung ist wahrscheinlich Remis. 54.Kh4?? Sieht logisch aus. [54.Ld3! Txh2+ 55.Kg3 und die beiden Mehrbauern wären wahrscheinlich nicht zu verwerten gewesen: 55...Td2 (55...h4+ 56.Kg4 Lf2 57.Th3 Tg2+ 58.Kf3 Tg3+ 59.Txg3 hxg3=) 56.Kh4 Tg2 57.Tf5+ Ke6 58.Kxh5 Tg3] 54…Tf2!! Der Zug des Turniers! 0-1

Entwicklungsvorsprung hatte das Vergnügen, Wladilin Kramnalov direkt nach seinem Sieg bei der WM gegen Vesemir Tuponik per Telefon ein paar Fragen zu stellen. Das möchten wir unseren Lesern natürlich nicht vorenthalten.

Entwicklungsvorsprung:
Herr Kramnalov, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem grossen Erfolg!

Kramnalov:
Nastrowje-¦hick!

EW:
Wie?

Kramnalov:
Entschuldigung, aber wir sind hier am Feiern und -¦hick-¦ich habe noch Flasche Wodka am Hals.

EW:
Dafür haben wir natürlich Verständnis. Schildern Sie uns doch mal die Ereignisse aus Ihrer Sicht.

Kramnalov:
Na gut, schildern. Uff, was sollen ich sagen? Lief alles super. Nachdem Tuponik in der sechsten-¦nein Moment, es war vierte Partie, Matt nicht fand, war er geistig unten-¦down-¦ sie wissen schon. Ich danach sehr leichtes Spiel gehabt. Habe meinen Opponent weggestampft. He, He.

EW:
Weggestampft?

Kramnalov:
(Schrilles Geschrei) JAAA! Weg, weg-¦weg war er!

EW:
Na gut, was sagen Sie zu den ominösen Vorwürfen des eingesetzten Komitees, die dazu führten, dass Sie eine Partie kampflos verloren haben?

Kramnalov:
(Schon wieder ruhig) Ach, das war alles Show. Alles Show. Mein Management sagte mir, wir müssen ein wenig Spannung bieten. Sie wissen schon. Sonst hätte ich zu leicht gewonnen. Aber niemanden erzählen. He, He.

EW:
Ist das Ihr Ernst? Das war alles nur Show?

Kramnalov:
(Laut quiekend) JAAA! Sie hören schlecht? Alles Show.

EW:
Na gut Herr Kramnalov. Aus dem Team Tuponik wurden ausserdem indirekte Betrugsvorwürfe geäussert, welche mit ihren regelmässigen Toilettenbesuchen in Zusammenhang gesetzt wurden.

Kramnalov:
(Ganz leise) Ach, sehr unangenehme Sache das. Sie wissen, ich möchte nicht darüber sprechen.

EW:
Herr Kramnalov, Sie haben jetzt die einmalige Gelegenheit der Öffentlichkeit mitzuteilen, warum Sie so häufig die Latrine aufgesucht haben. Für Ihr Image wäre es bestimmt besser, die Schachszene nicht im Unklaren zu lassen.

Kramnalov:
(Verdutzt) Meinen Sie?

EW:
Natürlich!

Kramnalov:
(Klein beigebend) Na gut. Sie wissen, ich hatte da Problem mit Magen-Darm-Trakt. Das Essen war schleeeeeeeecht. Sie wissen, diese südrussischen Steppengewürze haben meinen Magen extrem ruiniert. Und dann dieser Tuponik, immer wenn ich an Brett kam und ihn sah, diese Gewürze kamen hoch. Ich konnte nichts machen.

EW:
Wollen Sie uns wirklich weismachen, dass sie ständig die Schüssel aufsuchten, um sich zu übergeben?

Kramnalov:
(Laut ins Telefon schreiend) JAA! Mich ergeben, brechen, kotzen, reihern, vomieren, auswürgen, Brocken lachen, HAHA, die Schüssel umarmen, über die Zunge scheissen, den Mock rauslassen, die Speisekarte faxen-¦

EW:
O.k., so genau wollten wir es nicht wissen. Herr Kramnalov, im Zuge dieser Toilettenaffäre werden auch bei anderen Turnieren ständig Betrugsvorwürfe geäussert. Dabei bedienen sich die Publizisten des Suggestivjournalismus-¦

Kramnalov:
Sugge..was?

EW:
Ja diese verdeckten Anspielungen-¦

Kramnalov:
(Schon wieder beruhigt) Ach so, anspielen ist super. Muss man machen. Auch beim Fussball gaaaaaaanz wichtig. Wenn Stürmer Ball hat und Verteidiger ihn blockt, dann muss er Mitspieler finden und anspielen. He, He.

EW:
(Resignierend) Na gut, Herr Kramnalov. Ich glaube das reicht für heute. Vielen Dank für das Gespräch.

Kramnalov:
Ja, vielen Dank auch Sie. Wie ist Ihr Name noch mal? Ach egal, Nastrowje-¦hick. (Aus dem Hintergrund schallt es mit russischem Akzent: „Weeeee are the Chaaaaaampions“)

Am Samstag spielte ich mal wieder für meinen Verein Homburg Apeldoorn in der 1. Niederländischen Liga. Wir gewannen 6-4 gegen LSG und eroberten dadurch den 3. Platz in der Tabelle, die man nebst Aufstellungen und Statistiken hier unter Competitie aufrufen kann. Einem Spieler aus meinem Team gelingt es immer wieder mich in Erstaunen zu versetzen, denn jedes Mal steht sein Brett spätestens nach 15 Zügen in Flammen. In Holland ist er wegen seiner Blitzkünste legendär, aber dass seine Phantasie und Kreativität auch im Normalschach einen solch starken Eindruck hinterlässt, war mir vorher nicht bekannt. IM Manuel Bosboom gewann am Samstag seine Partie schon nach 20 Zügen und keiner weiss, ob sie einer objektiven Betrachtung standhalten würde. Doch das ist bei so einem Spieler völlig egal.

Die Mittelmeerkreuzfahrt war leider ein Reinfall. Heather Murham war total langweilig. Auch als Heiratsschwindler will man ja seinen Beruf auch noch gerne ausüben. Aber was mir da geboten wurde, unaussprechlich langweilig. Die ganze Reise war ziemlich zeitraubend. Man kann ja nicht einfach abhauen, wenn man auf so einem Schiff rumhängen muss, da kam es mir gerade recht, als gegen Ende der Reise ein Sturm aufkam und die Alte von Deck gefegt hat. Ich war der einzige, der es gesehen hatte, der Rest der Crew befand sich unter Deck, während ich oben an Deck mit Miss Murham Schach spielte, das heisst, ich tat so, dieses Spiel ist mir schleierhaft. Scheinheilig fragte ich die anderen, wo Miss Murham denn sei, ich warte bereits eine geschlagene Stunde, sie wollte doch auf Klo.

Helge Schneider (2006): Die Memoiren des Rodriguez Faszanatas: Bekenntnisse eines Heiratsschwindlers. Köln: Kiepenheuer & Witsch (S.67)

Radikal-islamische Mullahs mit langen Bärten, fanatische Mobs, die amerikanische Flaggen verbrennen, ein tollwütiger Präsident, der den Holocaust leugnet und die Atombombe als Endlösung herbeisehnt. Das sind die Bilder, die uns mehrheitlich von den Massenmedien über den Iran vermittelt werden.

Dies ist nur ein unzulänglicher Ausschnitt einer Nation im Widerspruch. Im Widerspruch weil unter der oktroyierten Ideologie eine Gesellschaft heranwächst, die nichts, aber auch gar nichts mit der machtbesessenen und sich in der absoluten Minderheit befindlichen geistlichen Führung gemeinsam hat.

1951 wurde Dr. Mohammad Mossadegh nach demokratischen Wahlen zum Ministerpräsidenten gewählt. Er wollte die bis dato unter angloamerikanischer Kontrolle gehaltene Ölförderung verstaatlichen, um das iranische Volk endlich am Reichtum teilhaben zu lassen. Dieser Plan konterkarierte die britischen und amerikanischen Interessen, was einen von den Briten und der CIA eingefädelten Staatsstreich (Operation Ajax) zur Folge hatte. Statt den Wandel zur Demokratie zu unterstützen, infiltrierten sie das System und hoben Reza Schah Pahlavi an die Macht. Unter seinem korrupten und brutalen Marionettenregime litt das Land gute zwei Jahrzehnte lang. Bis 1979.

Es kam, wie es kommen musste, da jede Diktatur auch mal ein Ende findet, die islamische Revolution. Unter der Führung Ayatollah Chomeinis, der sich bescheiden als “Vertreter Gottes auf Erden” bezeichnete, wurde der Schah militärisch abgesetzt und sukzessive ein theokratischer Staat aufgebaut. Politische Gegner wurden dabei nach und nach “aussortiert”, aber des verhassten Diktators Pahlavi überdrüssig, war die Bevölkerung froh über jeden Wechsel an der Macht. Der erste Golfkrieg tat sein Übriges.

Ihre Herrschaft zementierten die religiösen Hardliner durch die Installierung des Wächterrats, der Sittenpolizei, der Hisbollah und der Besetzung aller wichtigen Ämter in der Justiz und den Medien. Diese Herrschaft üben sie auf diese Weise bis heute noch aus. Hinzu kamen und kommen regelmässig massenweise Hinrichtungen politisch Andersdenkender, der Ausschluss unliebsamer Kandidaten von den Parlamentswahlen, das Verbot der Presse- und Meinungsfreiheit und, und, und.

Trotz dieser Restriktionen gab und gibt es unzählige Personen aus allen Gesellschaftsschichten und in unterschiedlichen Positionen, die sich gegen das Gottesregime auflehnen und damit ihr Leben riskieren. An dieser Stelle sei nur an die Juristin und Menschenrechtsaktivistin Schirin Ebadi erinnert, die 2003 als erste moslemische Frau den Friedensnobelpreis verliehen bekam.

2001 markierte einen kleinen aber hoffnungsvollen Wendepunkt. Der nach Kanada geflohene Journalist Hossein Derakhsahn stellte als erster Iraner sein Weblog ins Netz. Gleichzeitig lieferte er eine Anleitung auf Farsi, um seinen Landsleuten die Installation eines Weblogs zu ermöglichen und es ihm gleich zu tun. Die Reaktionen waren überwältigend und die iranische Weblog-Szene war geboren.

Basis des exzessiven Gebrauchs dieses Mediums war und ist das Verlangen seine Stimme gegenüber den Herrschenden zu erheben. Paradoxerweise hatten die intensive Bildungspolitik und die Alphabetisierungskampagne der Mullahs zu einer gebildeten und politisch engagierten Jugend beigetragen. Dieser Umstand erlangt weiteres Gewicht ob der Tatsache, dass 70 % der Iraner jünger als 30 Jahre ist. Dieses geballte Potential konnte lange medientechnisch kontrolliert werden und Willenserklärungen gegen das Regime wurden nur innerhalb des privaten Bereichs oder geschützter Umgebungen vorgetragen.

Diesen Schutz bietet nun das Internet, welches als stark anwachsendes Kommunikationsmittel eine wichtige Rolle im Kampf des Iran um die Demokratie spielt und welches von der staatlichen Zensur nur unzureichend erfasst werden kann.

In ihrem Buch “Wir sind der Iran” beschreibt Nasrin Alavi die Entwicklung der persischen Weblog-Szene und zitiert Nutzerzahlen, die auf Schätzungen der Weltbank und des NITLE Blog Census beruhen. Im Jahre 2001 gab es schon um die sieben Millionen Internetnutzer und im Jahr 2004 64.000 Weblogs. Da diese Zahlen aber nicht klar nachvollziehbar sind, sind sie mit Vorsicht zu geniessen. Einen neueren Einblick in diese Entwicklung erfährt man durch einen Bericht auf Spiegel-Online mit dem programmatischen Titel “Aufstand per Mausklick”.

Nasrin Alavi hat sich für das Buch die Mühe gemacht und unzählige Weblogs nach Beiträgen und Kommentaren durchforstet. Es ist eine faszinierende und tiefgründige Ansammlung von mehrheitlich politisch und gesellschaftlich motivierten Meinungsäusserungen entstanden. Sie stecken häufig ob der allgegenwärtigen Ohnmacht gegenüber dem Regime voller Zynismus, spiegeln aber auch gleichzeitig die Hoffnungen einer jungen geistigen Elite wider, die sich mit dem Status quo nicht abfinden möchte.

Exemplarisch sei nur ein Beitrag herausgegriffen, den ein Teilnehmer nach den tagelangen Studentenprotesten im Juni 2003 auf seinem Blog veröffentlichte:

Salaam, meine lieben, mitprotestierenden Studenten,

Nachdem unser Grosser Oberster Religionsführer kürzlich erklärt hat, die Demonstranten hätten von ausländischen Mächten Geld erhalten, um eine Revolution anzuzetteln, bitte ich hiermit den oder die Studenten, die für die Verwaltung der Spenden verantwortlich sind und über die 500 Millionen Dollar verfügen, die wir von den Vereinigten Staaten erhalten haben, meinen Anteil für die folgenden Dienstleistungen auf mein Bankkonto (Details beigefügt) zu überweisen:

Das Skandieren von ´Der Oberste Religionsführer ist ein Zuhälter!`: 110 Dollar
Das Skandieren von ´Das Volk lebt in Armut, aber Rafsandschani lebt wie ein Gott!`: 267 Dollar
Die Flucht vor der Bereitschaftspolizei: 77 Dollar 50 Cent
Die Beschimpfung eines Basij mit: `Deine Schwester ist eine Hure!`: 6 Dollar
Die Fahrtkosten zur Demonstration und zurück: 1 Dollar 10 Cent

Für den Fall, dass mein Anteil nicht auf meinem Konto eingehen sollte, verweigere ich hiermit alle zukünftigen Dienstleistungen dieser Art.

Eine aufgeklärte und gebildete Jugend, emanzipierte und in allen Teilbereichen des Lebens involvierte Frauen, eine Gesellschaft, die zu einem grossen Teil einen demokratischen Wandel herbeisehnt. Das ist ein viel realistischeres Bild des Iran.

Nasrin Alavi (2005): Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene. Köln: Kiepenheuer & Witsch

Kurz vor dem Ziel ging meiner Favoritin die Puste aus und sie verlor ihre letzte Partie sang- und klanglos. Da ihre Hauptkonkurrentinnen jeweils gewannen, wurde WFM Airapetian aufgrund der schlechteren Wertung - bei jeweils 7,5 Punkten aus 11 Partien - auf den 3.Platz durchgereicht. Kurioserweise gewann WIM Vera Nebolsina (ELO 2324) das Turnier, nachdem sie in der 2.Runde Tatevik Airapetian noch unterlegen war.

Bei den jungen Männern setzte sich IM Ivan Popov (ELO 2531) mit ebenfalls 7,5 Punkten durch. Dabei liess er so starke Spieler wie GM Nikita Vitiugov (ELO 2604, 2. Platz) und IM Igor Lysyj (ELO 2574, 3.Platz) hinter sich.

Die Geldpreise konnten sich für eine U20-Meisterschaft mehr als sehen lassen und würden so manchen Turnierorganisator, insbesondere in Deutschland, vor Neid erblassen lassen:

Preise Männer:

  • 1. 75.000 Rubel = 2165 Euro
  • 2. 45.000 Rubel = 1298 Euro
  • 3. 30.000 Rubel = 865 Euro
  • 6. 15.000 Rubel = 433 Euro

Preise Frauen:

  • 1. 30.000 Rubel = 865 Euro
  • 2. 18.000 Rubel = 519 Euro
  • 3. 12.000 Rubel = 346 Euro
  • 6. 3500 Rubel = 100 Euro

Abschliessend noch zwei Partiefragmente der beiden Sieger, natürlich den Damen den Vorzug lassend:

Fominykh,Maria (2316) - Nebolsina,Vera (2324) [B31]
ch-RUS U20 Girls Saint Petersburg RUS (6), 15.03.2007

Stellung nach 29.d4:

Diagramm 1

29…Lxg2! 30.Txe5? [30.Dc3! f3 31.Dc4 Dxc4 32.Txc4 Lf6=] 30…Dxh3-+ 31.Txg5+ [31.f3 Lxf3 32.Lc3 (32.Txg5+ Tg7-+) 32...Tf6-+] 31…Tg7 32.Txg7+ Kxg7 33.d5+ Kg8 34.f3 Lxf3 35.Lxf4 Dh1+ 36.Kf2 Dg2+ 37.Ke3 Dxb2 38.Tg1+ Kf7 39.Sd3 De2+ 0-1

Popov,Ivan (2531) - Ponkratov,Pavel (2469) [C29]
ch-RUS U20 Saint Petersburg RUS (3), 12.03.2007

Stellung nach 27…Ka8:

28.Txc6! bxc6 29.b7+! Kxb7 30.Tb1+ Ka8 31.Tb4! 1-0

Lipinsky,Fabian (2357) - Dinstuhl,Volkmar Dr (2426) [A70]
BL 0607 SK König-Tegel-SV Wattenscheid (13.8), 18.03.2007

[Georgios Souleidis]

Am Sonntag trafen in der Schachbundesliga im Kampf SK König-Tegel gegen SV Wattenscheid die internationalen Meister Fabian Lipinsky und Dr. Volkmar Dinstuhl am 8.Brett aufeinander. IM Lipinsky, der für den neutralen Beobachter überraschend spät in der Saison zum Einsatz kam, wählte eine sehr riskante Variante, wurde aber nicht belohnt. Dr. Dinstuhl, der wegen einer beruflichen Verpflichtung in den USA ein Jahr mit dem Schach pausiert hatte, scheint nichts verlernt zu haben und konterte seinen Gegner gnadenlos aus.

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 c5 4.d5 exd5 5.cxd5 d6 6.Sc3 g6 7.e4 a6 8.a4?! Laut Fritz Powerbooks der am häufigsten gespielte Zug, welcher mit einer Quote von 40% und einer Performance von 2355 allerdings eine miserable Ausbeute erzielt hat. [8.Lf4 und 8.h3 sind wohl die besseren Optionen.] 8…Lg4! Kämpft direkt um das Feld e5. Der Zug hat bis dato mit 60% hervorragend gepunktet. 9.Db3?!

Diagramm 1

Die Dame begibt sich auf eine Reise ohne Wiederkehr. [9.Le2 Lxf3 10.Lxf3 Sbd7 11.0-0 Lg7 etc. ist die logischere Option. Allerdings lassen auch hier die vorliegenden Ergebnisse keine Empfehlung für die weisse Spielweise zu.] 9…Lxf3 10.gxf3 [10.Dxb7 Sbd7! 11.gxf3 Lg7 ist Zugumstellung.] 10…Sbd7 11.Dxb7 Lg7 12.Dc6

Diagramm 2

12…0-0! Entwicklung! [12...Tb8?! 13.a5 0-0 14.Dxd6 Sh5 15.f4 Ld4 16.Le2± Mamedyarov,S (2646)-Papaioannou,I (2578)/Göteborg 2005] 13.Dxd6 Sh5 Natürlich! Der weissen Dame werden die Rückzugsfelder genommen. Ausserdem bahnt sich Schwarz den Weg frei für seine Dame nach h4. 14.f4 [14.Lh3 f5! 15.De6+ Kh8 16.d6 (16.Kf1 Se5 mit Angriff, Sisatto,O (2227)-Kosmo,S/Helsinki 2002) 16...Se5! 17.De7 Sd3+ 18.Kf1 Db8 mit starker Initiative (Kapengut)] 14…Te8 15.Lg2 [15.Le2 Ta7 16.a5 Dh4 17.Lxh5 Dxh5 18.Le3 Tc8 19.De7 Lf6 20.Dd6 Dh4 0-1 Papp,G (2362)-Hoffmann,M (2435)/Budapest 2003] 15…Ta7

Diagramm 3

16.a5? Das ist definitiv zu langsam und unnötig. [Mit 16.Dc6! ist die ganze Variante vielleicht noch zu retten.] 16…Dh4 Spätestens jetzt erkennt auch Fritz, dass der schwarze Entwicklungsvorsprung bedrohliche Ausmasse annimmt. 17.Se2?? Erstaunlich an der ganzen Variante und im Speziellen an diesem Zug ist, dass alles schon mal gespielt wurde.

Diagramm 4

[17.Sa4?! Tc8! 18.Sb6 Lf8 19.Sxc8 Lxd6 20.Sxa7 Sxf4 mit klarem Vorteil für Schwarz in Gavrikov,V (2365)-Lutikov,A (2430)/Minsk 1981;
17.Dc6 ist der einzige Zug an dieser Stelle doch nach 17...Sxf4 18.Lxf4 Dxf4 hat Schwarz mehr als ausreichende Kompensation.] 17…Tc8!-+ Die weisse Dame hat kein Feld mehr. Die Partie ist schon entschieden. 18.e5 Lf8 19.Db6 [19.Dc6 Txc6 20.dxc6 Sb8-+ Cordova,E (2429)-Smerdon,D (2460)/Turin 2006] 19…Sxb6 20.axb6 Tb7 21.Txa6 Dd8 22.d6 Txb6 23.Ta7 Lxd6! Die Bauern waren das einzig bedrohliche. Weg damit! 24.exd6 Txd6 25.0-0 Td1 26.Sc3 Txf1+ 27.Lxf1 Dh4 28.Lc4 Weiss gab gleichzeitig auf, denn nach 28…Sxf4 wäre jeder weitere Widerstand zwecklos gewesen. 0-1

Die Doppelspieltag der Schachbundesliga brachte einige Entscheidungen. Der Deutsche Meister steht praktisch fest (Glückwunsch nach Baden-Baden), die Absteiger sogar theoretisch (mein Beileid) und es wurden wieder so viele Fehler produziert, dass man denkt, Schach habe doch einiges mit Glück zu tun:

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